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27. Oktober 2010 - Biologe: Brücke schadet der Umwelt stark

Der Biologe Matthias Schreiber berät die Grüne Liga im Prozess um die Waldschlößchenbrücke. Er warnt vor drastischen Umweltschäden beim Bau.

Herr Dr. Schreiber, was würde passieren, wenn der Brückenbogen wie geplant über das Johannstädter Ufer bewegt würde, um ihn flussabwärts an den vorgesehenen Standort einzuschwimmen?

Durch die Baggerarbeiten, die noch ausstehen, kommt es auf einer Fläche von 1,2 Hektar zu massiven Eingriffen in den Lebensraum. Mit dem Ergebnis, dass von verschiedenen geschützten Tierarten etliche getötet werden. Der gesamte Lebensraum wird zerstört. Die Arbeiten verursachen Trübungen im Wasser, die ebenfalls eine Belastung darstellen. Zudem werden Tiere verschüttet – und das mittendrin in einem europäischen Schutzgebiet.

Welche Tiere wären betroffen?

Das sind verschiedene Fischarten wie zum Beispiel der Rapfen, das Flussneunauge und der Stromgründling. Diese Arten haben besondere Bedeutung, weil sie als sogenanntes Erhaltungsziel im Schutzgebiet Elbe festgeschrieben sind. Dann gibt es noch eine Reihe weiterer Tiere, die bedroht würden: etwa die Libelle Grüne Keiljungfer.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Stadt Dresden die Eingriffe in die strittigen Elbabschnitte erst der Rechtsaufsicht gemeldet hat, als der Bau bereits im Gang war?

Man muss sehen: In dem gesamten Planungsverfahren sind die Eingriffe vom ersten Tag an maßlos unterschätzt worden. Am Anfang war alles unerheblich. Dann hat man sich nur über die Fledermausart kleine Hufeisennase unterhalten. Deshalb wurden in einem früheren Verfahren – Stichwort Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Brücke – per Gericht Schutzmaßnahmen verfügt. Alles andere schien weiterhin unerheblich.

Im weiteren gerichtlichen Verfahren, also lange nach Abschluss der Planungen, kam heraus, dass viel mehr Pflanzen und Tiere bedroht sind. In einem letzten Schritt – das Verfahren läuft ja noch – musste die Rechtsaufsicht einräumen, dass auch die Auswirkungen auf das Gewässer erheblich sind. Ich ziehe daraus den Schluss, dass die gesamte Datenerfassung ungenau und oberflächlich war. Daher hat sie regelmäßig zu Fehleinschätzungen geführt.

Immerhin aber ist der Bau in erster Instanz genehmigt worden, damit bislang auch rechtens. Wäre die Beeinträchtigung für den geschützten Elbraum aus Ihrer Sicht geringer, wenn statt der Brücke ein Tunnel gebaut würde?

Ein klares Ja. Der Tunnel schont die Umwelt. Und zwar aus mehreren Gründen. Es würde deutlich weniger Fläche in Anspruch genommen werden. Zudem gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen der Brückenlösung und der Tunnellösung, was die Beeinträchtigung des Gebietes angeht. Der Eingriff beim Tunnelbau bleibt temporär. Er verschwindet nach Bauende nach und nach, weil die Flächen wieder zuwachsen können. Mit dem Brückenbauwerk bleibt dagegen eine dauerhafte Flächenversiegelung zurück, vor allem in den Elbwiesen.

Das geschützte Elbufer, in der Fachsprache ein Fauna-Flora-Habitat-Gebiet, würde auch nicht durchschnitten. Das Brückenbauwerk wird eine dauerhafte Barriere innerhalb des Schutzgebietes bleiben. Viele Tiere innerhalb des Schutzgebietes werden die Brücke nicht über- oder unterqueren können. Ein Beispiel: Es gibt mehrere charakteristische Schneckenarten für das Gebiet, auf die das zutrifft.

Aber beim Tunnelbau müsste die Elbe verlegt werden.

Nach den Planungen, die die Grüne Liga hat, nicht. Das, was von der Grünen Liga gefordert wird, kommt mehr oder weniger mit der Tunnelbreite als Baufeld aus. Auch im Fluss hätte man mehr oder weniger nur die Trassenbreite.

Glauben Sie, dass jetzt noch ein Tunnel möglich ist?

Das ist eine Frage, die Techniker beurteilen müssen. Ich kann nur auf die Folgen für die Umwelt hinweisen. Aber wer in den Alpen auf 57 Kilometern das Gotthard-Massiv untertunneln kann, wird auch die Waldschlößchenbrücke durch einen Elbtunnel ersetzen können. Letztlich entscheidet das Oberverwaltungsgericht in Bautzen.

Gespräch: Thilo Alexe

(Sächsische Zeitung, 18. Oktober 2010)

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